Bekanntschaften des Universums
Samstag klopfte die Unruhe an meine Tür. Ich musste sie hinnehmen, ich hatte keine Wahl.
Ich bot ihr einen Stuhl an, und sie machte es sich bequem, lachte laut und beruhigte mich: "Morgen Schätzchen bin ich wieder fort."
Sonntag klopfte es wieder. Es war das Erstaunen. Ich bat es herein und bot ihm einen Stuhl an, und es nahm lachend Platz und beruhigte mich: " Keine Angst, Lady, morgen bin ich wieder fort."
Montag klopfte es wieder an meiner Türe. Es war die Fassungslosigkeit. Ich bat sie herein und bot ihr skeptisch einen Stuhl an, und sie nahm erhabend Platz und beruhigte mich:" Staune, Herzchen, und nimm es wie es ist. Es gibt keine Zufälle, morgen bin ich wieder fort."
Dienstag und Mittwoch befand ich mich in einem Vakuum, und meine Vorstellungsgabe war bis zum äussersten erschöpft, sodass ich mich auf den Stuhl setzen musste und zeitweise darüber nachdachte, dass mir nur noch eine Euthanasie helfen könnte. Doch die Vorsstellungsgabe beruhigte mich:" Kandis, manchmal knallen Sterne aufeinander, und es entstehen neue Welten."
Heute klopfte es wieder an der Türe. Es ist die Ungeduld. Ich habe ihr gerade einen Tee gekocht und sie in ein Gespräch verwickelt, bis jetzt scheint es, als wenn sie noch bleiben wollte.
Da hat sich das Leben ja mal wieder einen listigen Plan für mich ausgedacht.
LadylikeKandis - 18. Jun, 18:58
Manchmal reicht ein Anschauen völlig aus, um zu spüren.
LadylikeKandis - 8. Jun, 22:25
Was sich zunächst unbemerkt in die kurzen Tagen des Winters eingeschlichen hatte, entwickelte sich in den letzten zwei Jahren zu einem Ritual. Wie so oft in meinem Leben, dauerte es seine Zeit, bis ich überhaupt annähernd auf die Idee kam, dass auch ich eine Rolle spielen würde. Und das, ohne jemals auch nur ein Wort miteinander zu wechseln. Schweigend.
Der Wecker holt mich aus einem tiefen Traum. Lieber würde ich mich noch einmal umdrehen. Schlaftrunken, nackt schleiche ich in die Küche und setze einen Kaffee auf. Der Vollmond ruft mich schließlich an das schmale Küchenfenster und ich schaue hinaus in den Garten, als ich dich das erste mal erblicke. Über zwei Gärten hinweg, gegenüber stehst du, oben in der zweiten Etage eines Zweifamilienhauses, in dem unten eine alte Dame lebt. Ebenfalls am Fenster, Oberkörper frei und schaust hinaus. Ich kann meinen Blick kaum abwenden, und erst später wird mir bewusst, dass auch du mich so freizügig und ungeschminkt, zerzaust von der Nacht sehen kannst. Ich beobachte, wie du dir durch die Haare fährst, dann lässt du das Rollo etwas runter und wendest dich ab.
Die folgenden Tage machen wir es gleich, bis du nach ca zwei Wochen ein Lichtzeichen gibst. Ich muss lachen, und gebe dir über meinen Lichtschalter in der Küchenzeile eine Antwort. Ich ertappe mich dabei, dass ich vor dem Schlafen gehen, schon an den Morgen denke, und mir überlege, wie wir das in den Sommermonaten durchführen werden, wenn die Sonne längst aufgegangen ist. Es scheint uns zu reichen, jeden Tag einander anzusehen und für ein paar Minuten einfach nur dazustehen, während der Kaffee leise in die Kanne tröpfelt.
Eines Morgens trage ich ein T-shirt. Ich bin krank und mir ist kalt. Du stehst, wie schweigend vereinbart, wieder am Fenster und die Art und Weise, wie du den Lichtschalter betätigst, lässt mich erahnen, was du willst.
Ich stelle mich an das Fenster und streife mir ganz langsam das Shirt ab, streich mir eine Strähne aus dem Gesicht und denke kurz darüber nach, ob ich einfach mal hinüber kommen soll. Doch dieser kleine Gedanke verlässt mich so schnell wieder, wie er gekommen ist, warum etwas zerstören, was an Besonderheit so schön ist.
Das ruhige An- und Ausknipsen deines Lichts verrät mir, dass du nun zufrieden bist.
Der Tag kann also beginnen.
Über zwei Jahre haben wir uns, fremd wie wir sind, auf diesem besonderen Wege „Guten Morgen“ gesagt, in den Sommermonaten öffneten wir die Fenster und sahen uns einfach nur an. Und ich habe niemals daran gezweifelt, dass es mal zu Ende gehen könnte.
Seit einigen Tagen ist deine Wohnung leer. Du hast die Blumen fortgenommen, die Gardine im Bad ist Vergangenheit, deinen schönen durchtrainierten Oberkörper hast du auch gleich mitgenommen, und den Strom abgestellt. Du bist fort. So wie die alte Dame. Das Haus steht nun leer, und jedesmal wenn ich morgens aufstehe, meinen Blick automatisch hinüber wende, fehlt etwas. Schade.
LadylikeKandis - 14. Feb, 17:45
Sämtliches Gedankengut scheint immer milchiger zu werden, um schließlich ganz zu verschwinden. Nichts hat mehr Bestand, alles fließt ungefragt wie eine große Kloake den Bach hinunter. Wie konnte das nur passieren? Ich will meine Schutzschilder wieder zurück, ich bezahle auch den doppelten Preis. Was ist das plötzlich. Das kann unmöglich eine Bewusstseinserweiterung sein, es fühlt sich vielmehr an, als wenn sich der Teufel persönlich in meine Eingeweide verpflanzt hat und mich innerlich verbrennt.
Wo ist nur diese verdammte Tür? Ich habe keine Ahnung. Wie auch. Ohne Gedankengut. So muss es sich anfühlen, wenn man nicht mehr weiter weiß. Was für ein scheiß Gefühl ist das.
Also doch am Rande des Wahnsinns. Oder Verzweifelung. Sie hat es also geschafft. Angekommen. Hoffentlich ist eine Rückfahrkarte im Gepäck. Sonst.
LadylikeKandis - 15. Nov, 18:56
Frühling im Oktober. Alles scheint durcheinander. Nun, warum nicht. So sitzen wir vor dem Eiscafe und bestellen auf italienisch einen Cappucchino italiana.
Die Stimmung ist im Keller. Alles ist doof. Wir beobachten die Leute, und bemerken plötzlich, dass alles nur Illusion ist. Setz dich in ein Cafe und du bekommst die Depression umsonst. Die Decken auf den Stühlen sind flauschig warm und wir rauchen eine Zigarette. Wir reden über A. und F. und nach jedem Zug des Glimmstängels grinsen wir und lachen über Vergangenes. „Lass uns nach vorn schauen.“ „Ja“, sagt sie, “und in zwanzig Jahren sitz ich wieder mit dir in einem schäbigen Cafe und es hat sich nichts geändert.“
Ich nicke. Vielleicht, vermutlich, wahrscheinlich. Genauso wie ich, mit den gleichen Problemen, mit dem gleichen Scheiß, den wir nicht wollen, den Sehnsüchten, die wir nicht haben können. Ich schlürf den Schaum aus der überdimensionalen italienischen kackbraunen Tasse und im Grunde ist es mir egal. Ja. Es ist mir so scheiß egal, ob ich in zwanzig Jahren genauso hier sitzen würde, oder nicht. Was soll’s. Bis dahin läuft noch viel stinkende Soße den Fluss hinunter.
Die Sms von TM lässt mich lächeln. Wir lieben uns wie die Gabel das Messer, um gemeinsam ein Stück Fleisch zu schneiden. Nur nicht aufgeben im Urwald Leben, da ist doch noch ein Funken Hoffnung. Wer weiß?
Und mit der Gewissheit, dass in fünf Tagen die Energie von zwei Wochen gnadenlos zerstört wird, genieße ich diese letzten Stunden.
LadylikeKandis - 8. Okt, 00:05
Die Sms der Kleenen holte mich heute Morgen schon ziemlich früh aus dem Schlaf. Treffen? Spaziergang im Park? Hat du Zeit? Normalerweise hätte ich den Tag schlumpfend im Nichtdenken gelebt, aber ein bisschen Frischluft würde sicher gut tun.
Plötzlich treten Menschen ins Leben, die sich rantasten und andere Wege ermöglichen. Mit wem wäre ich an diesem kalten Sonntag hinausgegangen? Mit niemandem. Also sagte ich zu und wir trafen uns. Ein schöner Nachmittag im nirgendwo, ein Lächeln, Gespräche, die Augen mögen sich. Die Sonne trotzte der Kälte und so landeten wir auf einem Spielplatz, beschlagnahmten eine Bank und plauderten. Schön.
Auf dem Rückweg bemerke ich, dass ich wieder Kraft habe. Kraft für die banalen Geschichten der Kinder, für das Geschrei, für ihre Bedürfnisse. Meine Sehnsucht weicht dem Sauerstoff und dem Vitamin D-Gehalt meines Körpers, und ich muss lächeln. Das Leben ist wie eine U-Bahn. Sitzt man einmal drin, fährt man sämtliche Stationen ab, bis man die rote Stopp-Taste drückt um auszusteigen. Aber aussteigen ist langweilig. Weiterfahren, auch wenn hin und wieder das Herz stehen bleibt, weil die Sehnsucht einfach zu übermächtig ist. Weiterfahren und nicht zurück schauen. Das Leben ist bunt, auch wenn man manchmal in den überfließenden Farben kleben bleibt und verzweifelt.
Wenn ich Menschen treffe, bei denen meine Herz manchmal stehen bleibt, dann hat sich das Treffen in jedem Fall gelohnt.
Er fehlt mir.
Und die Kleene tut mir gut.
Kettenreaktion.
LadylikeKandis - 21. Sep, 19:31